Berlin

Fahrradloft Lichtenberg in Berlin

Bewohner*innen des Fahrradlofts in Berlin-Lichtenberg können mit ihrem Fahrrad über einen ebenerdigen Fahrstuhl direkt auf ihren persönlichen Balkon fahren. Dabei können sie sowohl mit dem Fahrrad vorwärts in den Fahrstuhl hinein als auch vorwärts hinausfahren. Elektrische Türöffner vereinfachen den Transport des Fahrrades durch das Wohnhaus.

Mit dem Fahrrad von der Straße auf den Balkon

Neben innovativem, fahrradfreundlichem Wohnen sorgt der Fahrradlift aber auch gleichzeitig für umfassende Barrierefreiheit im Objekt. In den zwei Gebäuden des Fahrradlofts in Berlin-Lichtenberg gibt es zudem eine Werkstatt für Fahrräder und einen Fahrradkeller. Außerdem wird ein Lastenrad gemeinschaftlich genutzt. Das Fahrradloft liegt hierbei nur drei Gehminuten und eine Minute mit dem Fahrrad vom S-Bahnhof Nöldnerplatz in Berlin entfernt.

Interview mit Tobias Klein, Bewohner des Fahrradlofts Lichtenberg

Wie ist die Idee eines Fahrradlofts entstanden?
Unserem Architekten Lars Göhring fiel auf, dass in Berlin viele Menschen ihr Fahrrad die Treppen hinauftragen, es durch die Wohnung schleppen und dann auf einem viel zu kleinen Balkon abstellen. Vor allem für teurere Räder sind in den meisten Häusern keine zufriedenstellenden Abstellanlagen vorhanden. Zudem ist die Hemmschwelle, das Rad zu nutzen, sehr gering, wenn es direkt vor der eigenen Wohnungstür steht. Aus diesem Grund entwickelte er die Idee eines fahrradfreundlichen Wohnhauses. Der Name Fahrradloft ist übrigens eine Anspielung auf das Kreuzberger Carloft.

Wie groß war die Baugruppe am Anfang?
Die erste Kerngruppe entstand 2010 und bestand nur aus wenigen Mitgliedern. Meine Familie und ich stießen erst 2012 zur Gruppe, zu dem Zeitpunkt bestand die Gruppe nur aus 6 oder 7 Familien. Nachdem 2013 dann ein Grundstück gefunden und reserviert werden konnte, stieg die Zahl schnell auf die finale Anzahl von 42.

Welche einzelnen Schritte im Umsetzungsprozess haben Sie durchlaufen?
Alle einzelnen Schritte des Prozesses hier zu nennen würde den Umfang des Interviews sprengen. Von der ersten Idee bis zum Einzug sind schließlich fünf Jahre vergangen. Aber um mal ein paar wichtige Punkte zu nennen: Es mussten Mitstreiter*innen, ein Grundstück und eine Bank, die allen (!) Eigentümer*innen einen Kredit anbietet, gefunden werden. Neben der herkömmlichen Bauplanung und -ausführung mussten wir uns auch Gedanken über einen GbR-Vertrag (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) machen und überlegen, wie wir die gemeinsamen Flächen nutzen wollen. In der Planungs- und Bauphase haben wir uns ungefähr einmal im Monat getroffen, zudem lief viel über einen Mailverteiler. Es gab auch diverse AGs, die sich mit bestimmten Punkten intensiver beschäftigten und Konzepte herausarbeiteten.

Welche Herausforderungen gab es auf dem Weg zur Umsetzung eines Fahrradlofts und wie haben Sie diese gelöst?
Eine der größten Herausforderung musste direkt am Anfang bewältigt werden: Ein Grundstück, das zu unseren Wünschen passt und bei dem wir nicht von Investoren überboten werden. In Friedrichshain schien dies unmöglich, daher haben wir uns schließlich entschieden, nach Lichtenberg zu gehen. Eine weitere große Herausforderung war es, eine Bank zu finden. Es gibt nur wenige Banken, die bereit sind, Baugruppen zu finanzieren. Bei uns wurde es schließlich die Umweltbank.

Welche Kooperationspartner waren für das Gelingen des Projekts entscheidend?
Wir haben ein Projektsteuerungsbüro beauftragt, das uns viele Arbeitsschritte abnahm. Ohne dieses hätten wir den enormen Arbeitsaufwand vermutlich nicht geschafft.

Welche anderen Mobilitätsangebote neben dem Fahrradlift gibt es bei Ihnen?
Die Fahrradlifte und -balkone sind nicht nur für die Fahrradnutzung ideal, sondern auch für Kinderwägen oder für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen ein großes Plus. In beiden Häusern gibt es zusätzliche Fahrradkeller und auf der Straße einige gute Fahrradstellanlagen für Personen, die ihr Rad nur kurz abstellen wollen oder zu Besuch kommen. Die S-Bahn mit sehr gutem Takt ist nur wenige Gehminuten entfernt, zudem einige Bushaltestellen mit verschiedenen Linien. Kfz-Stellplätze gibt es übrigens keine.

Was glauben Sie, wie wird sich das Fahrradloft in Zukunft weiterentwickeln?
Mittlerweile gibt es ein Lastenrad, das von einigen Familien gemeinschaftlich genutzt wird. Es gibt auch einige, die ein eigenes Lastenrad haben, da sie es täglich nutzen. Ansonsten sind aktuell keine weiteren Ideen in Planung.

Können innovative, nachhaltige Mobilitätslösungen, wie die Idee eines Fahrradliftes, aus Ihrer Sicht auf andere Quartiere/Wohnhäuser übertragen werden?
Bei Altbauten wird es schwierig, bei neuen Wohnprojekten ist es denke ich fast überall möglich, wenn der Wille da ist. Klar sind die Kosten dafür auch etwas höher, aber durch die Einsparung einer Tiefgarage haben wir diese mehr als wieder eingeholt.

Welche Voraussetzungen muss ein Quartier mitbringen, damit das Konzept Aussicht auf Erfolg hat?
Das Projekt sollte städtisch so gelegen sein, dass die wichtigsten Ziele gut mit dem Rad zu erreichen sind. Zudem ist ein guter ÖPNV-Anschluss wichtig. Die Stellplatzverordnung, die es ja in den meisten Bundesländern gibt, ist zudem finanziell sehr unattraktiv für alternative Wohnprojekte.

Was war die überraschendste Erkenntnis, die Sie im Laufe der Realisierung des Fahrradlofts hatten?
Das Überraschendste für mich war, dass wir am Ende finanziell gesehen fast eine Punktlandung auf den kalkulierten Kosten gemacht haben. Das ist bei Baugruppen nicht immer so. Zudem haben wir anscheinend noch gerade so den Baubeginn hinbekommen, bevor die Bau- und Immobilienpreise in Berlin total durch die Decke gingen. Bei den Kosten von heute hätte sicherlich ein Großteil der Gruppe nicht mehr mithalten können.

Was können die Wohnungswirtschaft und politische Entscheidungsträger aus Ihrer Sicht tun, um CO2-freie Mobilität und Fahrradmobilität im Wohnquartier zu fördern?
Dazu habe ich ja weiter oben schon einiges genannt. Ich denke, dass die antiquierte Stellplatzverordnung in vielen Bundesländern überarbeitet und hier mehr Platz der Alternative Fahrrad gegeben werden müsste. Sichere und komfortabel zu erreichende Fahrradabstellplätze in ausreichender Menge sind das A & O. Aber dies nützt alles nicht viel, wenn sich die Fahrradinfrastruktur in den Städten und Gemeinden nicht verbessert. Dem Rad muss mehr Platz gegeben werden, nur so wird der Radverkehr sicherer und komfortabler – und noch mehr Menschen werden aufs Rad umsteigen.